Patrick Mayregger als Gastschüler in Neuseeland
„Kia Ora!“ Mit diesen beiden einfachen Worten wird wohl jeder begrüßt, der am Flughafen in Auckland ein Flugzeug verlässt, denn genau das steht auf einer gigantischen Leinwand direkt über den Kontrolltischen der Zollbehörde. Herzlich Willkommen! So werden hier also alle begrüßt, in Te Reo Maori – der Sprache der Ureinwohner dieses Landes. Direkt daneben steht ein weiteres Wort in riesigen Lettern „Aotearoa“ – Neuseeland.
Hier war ich also. Ich war angekommen im Land der vielen Schafe, im Land der monumentalen Landschaften und ja, ich war in dem Land, in dem die Uhren dann doch etwas langsamer gehen als anderswo.
Vor nun fast zwei Tagen hatte ich mich von Bielefeld verabschieden
müssen und vor dreißig Stunden war mein Flieger in Hamburg abgehoben.
Seitdem war ich, es war schwer, sich das wirklich vorzustellen, um den
ganzen Erdball gereist. Hamburg, London, HongKong, Auckland – das war
meine Flugstrecke. So weit weg von meiner Heimatstadt war ich noch nie
und die Entfernung würde auch nie größer. Es ging einfach nicht weiter.
Nach diesen dreißig Stunden irgendwo in einem Air-New-Zealand-Flieger
wollte ich nur noch eins: eine Dusche! Diese habe ich dann doch relativ
schnell gefunden, in dem Hotelzimmer, in dem ich meine erste
neuseeländische Nacht mit dem Blick auf den Fernsehturm von Auckland,
das höchste Gebäude der südlichen Hemisphäre, verbrachte.
Nach einer kurzen Stadtrundfahrt und vielen Informationen über Land und
Leute musste ich dann schon wieder in ein Flugzeug steigen. Dieses Mal
war die Flugzeit kürzer, das Flugzeug aber auch umso kleiner. Ich stieg
also in unsere Propellermaschine nach Nelson im Norden der Südinsel. Als
Flugzeit war eine Stunde angesetzt; wir würden also fast direkt nach
dem Start mit der Landung beginnen. Als das Flugzeug zur Landung
ansetzte, wurde mir dann das erste Mal so richtig bewusst, wo ich grade
war. Ich wusste zwar, dass Neuseeland insgesamt nur vier Millionen
Einwohner hat, davon drei Millionen auf der Nordinsel, aber Nelson wurde
mir immer als regionales Zentrum für den gesamten Norden der Südinsel
beschrieben und ich schwebte grade über einer … nun ja … wenn man
großzügig ist, könnte man es Kleinstadt nennen. Ich musste meine
Ansprüche an eine „urban area“ wohl etwas herunterschrauben.
Um mich etwas von dieser Tatsache abzulenken, von der ich eigentlich
dachte, dass ich gut auf sie vorbereitet sei, guckte ich mir lieber die
Nationalparks und das viele Grün an. Das dominierte sowieso die Sicht.
Und ja, das war die Belohnung für das Leben außerhalb einer Großstadt,
das war genau das, was ich schon immer sehen wollte.
Wir waren jetzt endlich gelandet und nun wurde es ernst. Gleich würde
ich meine Gastfamilie treffen und das Haus sehen, in dem ich das nächste
halbe Jahr leben sollte.
Die Fahrt mit dem Auto meiner Gasteltern von Nelson nach Motueka war
mein erster wirklicher Neuseeland-Moment. Auckland war schön, aber
unterschied sich doch nicht wesentlich von westeuropäischen Großstädten.
Die Fahrt dauerte dann noch ein bisschen, aber wenn man nicht selber
fahren muss, kann man sich ja auf das Meer und die Berge konzentrieren,
die den Blick zu beiden Seiten prägen.
Jetzt war ich also endlich angekommen und ich wusste definitiv, wo das
Ende der Welt ist, und ich war einfach nur froh, es gefunden zu haben.
Dieses halbe Jahr, da war ich mir sicher, würde einmal etwas absolut
anderes werden.
Nach einer Woche hatte ich mich so langsam eingelebt und mich an das
komplett andere Schulsystem gewöhnt. Ich wurde hier unter anderem in
„Outdoor Education“ und „Te Reo Maori“ jeweils vier Stunden die Woche
unterrichtet. Das bedeutete, dass ich nicht nur wöchentlich eine
Höhlenexpedition machen würde, sondern nach dem halben Jahr wohl mehr
als nur „Kia Ora“ und „Aotearoa“ auf Maori sagen könnte. Ich durfte alle
meine sechs Fächer wählen und da ich nicht vorhatte, eine
neuseeländische Universität zu besuchen, hatte ich überhaupt keine
Vorgaben, außer der, dass ich nicht zwei Kurse wählen durfte, die
gleichzeitig stattfanden. Schule in Neuseeland ist schon etwas anders.
Hausaufgaben gibt es, soweit ich das bis jetzt mitbekommen habe,
grundsätzlich nicht und anstelle von Klassen gibt es am Anfang des Tages
ein „Formclass meeting“. Die Formclass besteht aus Schülern aller
Jahrgänge (also 9 - 13, davor geht man zur Grundschule) und man bleibt
seine ganze Schullaufbahn lang in einer Formclass. Da ich Te Reo Maori
gewählt habe, war ich in der Whanau-class (Familien-Klasse) in der
eigentlich so ziemlich alle Maoris meiner Schule sind. Des Weiteren gibt
es hier vier Häuser, die passenderweise nach Farben aufgeteilt sind –
Rot, Grün, Blau und Gelb (mein Haus). Mir wurde gesagt, ich sei nicht
der erste, der sich an Harry Potter erinnert fühle. Man kann bei
Wettbewerben Hauspunkte sammeln und das Haus mit den meisten Punkten
gewinnt am Ende des Jahres den Hauswettbewerb (ich glaube, die haben
aber keinen Hauspokal – aber so genau weiß ich darüber auch nicht
Bescheid).
Wie ich dann in der ersten Woche erfahren habe, durften wir
Internationals zwei Vertreter ins Student Council wählen (das entspricht
unserer SV) und ich war natürlich gleich Feuer und Flamme. In der
zweiten Woche wurde ich ins Student Council gewählt und in meiner
dritten Woche hatte ich meine erste Sitzung. Ich war leicht überrascht,
als mich die stellvertretende Schulleiterin begrüßte und den Eindruck
machte, als wolle sie die Sitzung leiten. Sie stellte die Tagesordnung
zusammen und berichtete uns von den neusten Entwicklungen in der Schule.
Das war schon ein ziemlicher Unterschied und irgendwie habe ich auch
noch nicht so richtig verstanden, was die Schulleitung mit der Leitung
der Schülervertretung am Hut hat, aber nun gut. Der alles dominierende
Tagesordnungspunkt war die Schweinegrippe, die zu diesem Moment ziemlich
stark umging. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Panikmache in
Neuseeland wesentlich besser gegriffen hat als bei uns. Die Leute
schüttelten sich nicht mehr die Hände und sowieso gab es kaum noch ein
anderes Thema in der Schule.
Medien hier sind auch so ein Thema, denn wenn man in Europa in einem
Schreibwarenladen versucht, eine ausländische Zeitung oder ein
ausländisches Magazin zu bekommen, hat man damit in der Regel keine
Probleme. Fragt man nach so etwas hier, wird man nur die Antwort
bekommen: „Was wollen Sie? So was haben wir nicht – und das werden Sie
im ganzen Land nicht finden.“
Dass Neuseeland sich selber informativ vom Rest der Welt abkapselt,
lässt sich schon daran sehen, dass hinter den Nachrichtensprechern zwar
ein Globus abgebildet ist, aber man auf diesem nur Neuseeland sieht,
welches ganz groß über die ganze Weltkugel gezogen wurde.
Bald war es für mich an der Zeit, die Touristenattraktion Nummer eins
meiner Region zu sehen – den Abel Tasman National Park. Nicht wenige
bezeichnen ihn als den schönsten Platz auf unserem Planeten und ich kann
das absolut verstehen. Noch nie habe ich so schönen Sand an den
Stränden gesehen. Direkt hinter dem Stand kommt man in den unberührten
Regenwald und die Vielfalt dieses Parks ist einfach unglaublich.
Vor meinem Abflug wurde mir erzählt, die ‚Kiwis’ hätten eine
„Das-geht-schon“-Mentalität, und ich hatte mich schon wirklich auf diese
Einstellung gefreut. Ich kann feststellen, dass es hier wirklich
lockerer zugeht und mir das schon am zweiten Tag klar wurde, als ich
bemerkte, dass es im Haus meiner Gastfamilie keine einzige Uhr gab, die
die richtige Zeit anzeigte. Stress ist anders definiert und
dementsprechend fühlen sich ‚Kiwis’ manchmal doch sehr viel schneller
unter Druck gesetzt.
Bis jetzt kann ich jedem, der irgendwie die Möglichkeit bekommt, dieses
Land zu bereisen, nur eins sagen: „Tu es!“
(Fortsetzung folgt)
|