| Auf jüdischen Spuren in Prag |
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| Geschrieben von Tabea Götzen und Olga Sabelfeld | |||||||||||||||||||||
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Nach unserer Ankunft und dem Deponieren des Gepäcks im Quartier ging unser Weg zuerst zu der im 14./15 Jh. gebauten Karlsbrücke, auf der 30 Statuen aufgestellt sind, die jedoch aus späterer Zeit stammen. Besonders zu erwähnen ist die Skulptur des Gekreuzigten (1629), die von einem Prager Juden, weil ihm mangelnde Ehrerbietung gegenüber dem Gekreuzigten unterstellt wurde, 1696 mit dem hebräischen Text aus Jesaja 6,3 „Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen“ ergänzt werden musste. An diese Erniedrigung der jüdischen Gemeinde erinnert seit dem Jahr 2000 eine Gedenktafel in tschechischer, englischer und hebräischer Sprache.
Den Freitag (9. Juli 2010) widmeten wir der Prager Josefov-Stadt, in der wir fünf Synagogen und den alten jüdischen Friedhof besuchten. Ab dem 12. Jh. besaß Prag eine der bedeutendsten und größten Judenstädte Europas, die ihren Namen dem Kaiser Joseph II., der stark zu der Judenemanzipation beigetragen hatte, verdankt.
Die älteste und noch bestehende Synagoge ist die Altneusynagoge,
die
1270 im frühgotischen Stil erbaut wurde. Wie in jeder anderen Synagoge
befindet sich auf der Ostseite der Thoraschrein mit den sich darin
befindenden Thorarollen. Den Raum überspannt ein Gewölbe
mit jeweils fünf Rippen, die in der Architektur eine Distanz zum Kreuz
des Christentums schaffen.
Auch heute finden hier Gottesdienste statt.
Der sehr schlichte, 1694 erbaute barocke Saal der Klausensynagoge erhielt erst im 19. Jh. seine endgültige Gestalt. Diese befindet sich in unmittelbarer Nähe zu der Zeremonienhalle, in der ein Teil der Dauerausstellung „Jüdische Bräuche und Traditionen“ zu sehen ist.
In der Zeremonienhalle befindet sich ein 15teiliger Bilderzyklus, der ca. 1772 von einem unbekannten Prager Maler in der Tradition des Spätbarocks gemalt wurde und ursprünglich als Schmuck für den Versammlungsraum bei Jubiläumsbanketten diente. Die Bilder entstanden mit der Intention, das Gewicht der sozialen Tätigkeit im Licht der aufklärerischen Ideen aufzuzeigen. So wurde das Milieu des Ghettos im Geiste der Emanzipation repräsentiert. Heute ist es ein Bilddokument der damaligen Prager Judenstadt, da darin das Leben der Bruderschaft getreu wiedergegeben wird. Direkt neben dem Gebäude der Begräbnisbruderschaft liegt der jüdische Friedhof, der die zweitälteste Begräbnisstätte Prags und neben der Altneusynagoge das bedeutendste Denkmal der Prager Judenstadt darstellt. Man zählt ungefähr 12 000 noch erhaltene Grabsteine, wobei die Zahl der dort Begrabenen viel höher ist, da man nach jüdischem Gesetz das Begräbnis nicht auflösen darf und deshalb neue Erdschichten für neue Gräber nutzte, was auch die hügelige Gestalt des Friedhofs erklärt.
Dort befindet sich auch das Grab von Rabbi Löw (Jehuda ben Bezal’el Löw), der im 16. Jh. (1520 - 1609) lebte und als Erschaffer des „Golem“ zum Sinnbild für das mystische Prag geworden ist. Golem (hebr. גולם) ist das hebräische Wort für „Ungeformtes“ und die Bezeichnung für ein Geschöpf in einer jüdischen Legende, die in Mitteleuropa verbreitet war. Dabei handelt es sich um ein in menschenähnlicher Gestalt aus Lehm und Ton künstlich gebildetes Wesen, das besondere Kräfte besitzt, Befehlen folgen, aber nicht sprechen kann. Einer Legende nach liegen die Reste der Figur auf dem Dachboden der Altneusynagoge, den niemand betreten darf.
Wegen der begrenzten Öffnungszeiten konnten wir leider nicht den neuen jüdischen Friedhof, auf dem Franz Kafka begraben ist, besuchen. Schon etwas ermattet, besuchten wir am Freitagnachmittag auch noch einige Lebensorte von Franz Kafka (1883 - 1924), der trotz seiner Versuche sich zu lösen die meiste Zeit seines kurzen Lebens in Prag verbracht hat: „Prag lässt mich nicht los. […] Dieses Mütterchen hat Krallen“, schrieb Kafka schon als Neunzehnjähriger in sein Tagebuch. Wir standen vor seinem Geburtshaus, an dem seit 1968 eine Kafka-Gedenktafel angebracht ist. Wir standen vor dem Haus Minuta (Malé Namesti 2), wo er von 1889 bis 1896 mit seinen Eltern lebte. Den Innenhof mit der im „Brief an den Vater“ erwähnten Pawlatsche konnten wir leider nicht besichtigen, da das Tor verschlossen war. Die vielen Umzüge der Kafkas innerhalb der Altstadt zeigen deutlich den gesellschaftlichen Aufstieg der Familie. Die Wohnungen wurden immer komfortabler. Wir erfuhren von den politischen Spannungen in Prag um die Jahrhundertwende, weil eine große mehrheitlich nationaldemokratisch gesonnene tschechische Mehrheit einer konservativen deutschen Führungsschicht gegenüberstand. Zwischen diesen beiden Lagern positionierten sich die Juden, die vorwiegend deutschsprachig waren.
Das Jura-Studium und die Tätigkeit in einer Versicherungsgesellschaft, in der Kafka rasch Karriere machte, dienten nur der materiellen Lebensabsicherung. Sein eigentliches Interesse war das Schreiben. Kafka interessierte sich aber auch für seine jüdischen Wurzeln: Er lernte jahrelang Hebräisch/Neuhebräisch und besuchte oft das jiddische Theater. Mit dessen Hauptdarsteller Jichzak Löwy war er befreundet. Für ihn organisierte er eine Lesung im Jüdischen Rathaus, das wir am Morgen bei unserem Rundgang durch das Jüdische Museum schon gesehen hatten. Der Sonnabendmorgen begann mit einer sehr interessant gestalteten dreistündigen Stadtführung, die uns die bis dahin noch nicht bekannte Neustadt näherbrachte. So besuchten wir den Wenzelsplatz, an dem sich eine Reiterstatue des heiligen Wenzel von Böhmen und das Nationalmuseum befinden. Schon seit Jahrhunderten bildet dieser Platz das Zentrum der Neustadt. Unter anderem wurden wir auf die Pluralität der Baustile in Prag hingewiesen, die einen vollständigen Durchgang durch die kunstgeschichtlichen Epochen machen. So besichtigten wir beispielsweise einige barocke Kirchen (z. B. Kirche St. Maria Schnee), entdeckten einige Gebäudekomplexe in Renaissance, Rondokubismus und selbstverständlich den in Prag weitverbreiteten Jugendstil. In unserer mittäglichen Erholungszeit kamen wir in den Genuss, in einem Jugendstilcafé in der Neustadt speisen zu können. Den kompletten Sonnabendnachmittag hielten wir für einen Rundgang durch die Prager Burg frei. Diese besitzt eine Fläche von ca. 7 ha und ist somit das größte geschlossene Burgareal der Welt, sodass wir uns auf einen intensiven Rundgang einstellten. Die Größe der Burg ist damit zu begründen, dass sie im 9. Jh. gegründet wurde und seitdem in vielen verschiedenen Baustilen um einige Gebäudeteile erweitert wurde, was ihr Aussehen selbstverständlich stark veränderte. Nur eines blieb immer gleich, nämlich die Funktion der Burg – Sitz des Staatsoberhauptes. Bei unserer Ankunft empfing uns die Burg mit einem kleineren Brand, der für uns nicht besonders relevant war, jedoch waren wir um das Schicksal der Burg besorgt. Wir hatten die Möglichkeit, den gotischen St.-Veitsdom, den barocken Königspalast im zweiten Burghof, die romanische St.-Georgs-Basilika und andere Teile der Burg zu besichtigen. Was uns allerdings verwehrt wurde, war die Besichtigung des Goldenen Gässchens, wo Kafka 1916 und 1917 im Haus Nr. 22 arbeitete. Aufgrund von Bau- und Renovierungsarbeiten war dieser Bereich abgesperrt. Die hohe Lage der Burg bietet einen fantastischen Ausblick auf Prag, was wir natürlich für einige Panoramabilder nutzten. Die Zeit bis zur Abreise am Sonntagmittag nutzten wir unterschiedlich. Einige von uns gingen noch den Spuren des Reformators Jan Hus nach. So bleiben zahlreiche Erlebnisse und Erinnerungen aus Prag, die niemals mit anderen Städten zu verwechseln oder gar zu vergessen sind.
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