Matthias Dyck (Jgst. 13) nahm als unser Schülerreporter am Kirchentag in Bremen teil und berichtet von dort hier auf unserer Homepage
Bereits knapp eine Woche vor dem eigentlichen Beginn des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Bremen und umzu lud das Evangelische Jugendpfarramt Bielefeld zu einem Vorspiel: Im Auftaktgottesdienst am 14. Mai in der Altstädter Nicolaikirche wurden die zahlreichen Bielefelder Kirchentagsreisenden jugendlichen Alters bei Weitem nicht nur über ihre Busfahrpläne aufgeklärt, sie atmeten schon echte Kirchentagsluft. Dabei sangen sie nicht nur aus dem Kirchentagsliederbuch „FundStücke" (das neben altbekannten und vielgeliebten Kirchengassenhauern auch Neukompositionen enthält), auch das Programm stimmte ein, etwa mit Psalm 19 (dem diesjährigen Kirchentagspsalm) oder dem Kirchentagsmotto aus Genesis 3, 9 („Mensch, wo bist du"), das als Predigttext auf verschiedene Weisen reflektiert wurde.
Nicht ohne augenzwinkernde Seitenhiebe stellte das Gottesdienstthema Fragen nach Verantwortung (gegenüber der Natur, dem menschlichen Zusammenleben), nach Gerechtigkeit (von Geschlechter- bis hin zu Gütergerechtigkeit), schließlich nach Engagement (in Gesellschaft, in Politik). Nebenbei wurden einige Kirchentagsveranstaltungen zu eben diesen Themen vorgestellt. Der Bielefelder Jugendpfarrer Thomas Wandersleb ermunterte in einem kurzen, spontanen Statement zur Wahrnehmung politischer Verantwortung (und sei es lediglich das einfache Bekunden von Unzufriedenheit), ermutigte dabei auch zu einem „langen Atem" – schon ein flüchtiger Blick ins Programmheft zeigt: Kirchentagsluft riecht eben auch nach freier Diskussion aktueller politischer Fragestellungen.
Bielefeld zeigt übrigens starke Präsenz auf dem Kirchentag: Von der Evangelischen Jugend Bielefeld (die, wie Wandersleb anmerkte, das „stärkste Stück evangelischer Jugendarbeit in Westfalen" sei) fahren insgesamt 450 junge Menschen nach Bremen und teilen sich gar eine ganze „eigene" Schule als Unterkunft.
A wie Auftakt, B wie Begegnung
Mittwoch
37,7. Das ist der Altersdurchschnitt der etwa 100 000
Dauerteilnehmerinnen und -teilnehmer des Kirchentages. Der Kirchentag
zeigt sich nämlich von Anbeginn an weder als staubiges Rentnertreff
noch als reines Jugendfestival: Familien, Rentnerpärchen, größere wie
auch kleinere Jugendgruppen beginnen am ausklingenden
Mittwochnachmittag die Bürgerweide, Bremens zentral gelegenen
Großparkplatz zwischen Bahnhof und Messezentrum, langsam auszufüllen.
Allgegenwärtig sind auch die zahllosen jugendlichen Helferinnen und
Helfer, zumeist kluftentragende Pfadfindergruppen, die als
Platzanweiser, Verkehrshelfer oder hilfreiche Ansprechpartner
fungieren; sie verkaufen spezielle Kirchentagslanyards oder geben gegen
eine Spende den (diesjährig in einem milden blau gehaltenen)
Kirchentagsschal aus oder sie hüten die Zugänge des Pressezentrums.
Ihnen sei an dieser Stelle bereits jetzt ein würdigendes Denkmal
gesetzt.
Mein Mitreporter vom Bielefelder Ratsgymnasium und ich suchen uns
Plätze im Pressebereich in Bühnennähe, während das Vorprogramm des
Eröffnungsgottesdienstes – parallel finden auch an zwei anderen Orten Eröffnungsgottesdienste statt – bereits auf den weiteren
Abend einstimmt, so etwa mit dem Projektchor Capella temporale oder der
Bremer Klezmergruppe Klezgoyim (auf den insgesamt elf Bühnen des Abends der Begegnung soll nämlich unter anderem auch Weltmusik
geboten werden). Beide Gruppen werden uns auch durch den Gottesdienst
selbst begleiten. Nach einigen Minuten des Schweigens beginnt
schließlich feierlich der Eröffnungsgottesdienst des 32. Deutschen
Evangelischen Kirchentages unter dem Motto „Jonas Wahl".
In Sprechtexten, von Musik untermalt und um einige energiegeladene
Rap-Einlagen bereichert, wird die Jona-Erzählung aus der Bibel
nachgezeichnet, die Geschichte des rebellischen Propheten, der vor
Untergang warnen soll, jedoch vor Gott und seiner Aufgabe flieht, Gott
schließlich anklagt, weil dieser seine Strafe doch nicht eintreten
lässt – und von Gott nicht nur Verantwortung, sondern auch Gnade lernt.
Im gottesdienstlichen Rahmen lässt die Erzählung der Geschichte Raum
für Besinnung, unterschlägt aber nicht ihre Relevanz. Als Leitmotiv in
Gesang, Erzählung und Aktion dient das Schiff, das auch den Abend der
Begegnung noch prägen wird. Die nachfolgende Predigt zum
Kirchentagsmotto hält Renke Brahms, Schriftführer der Bremischen
Evangelischen Kirche: Auch er greift den Aufruf zu
Verantwortungsbewusstsein auf, der ja auch eines der klassischen
Grundanliegen des Kirchentages ist. Auf die Frage „Mensch, wo bist du?"
müssten wir antworten, nicht weglaufen; Brahms geht auf zeitgenössische
Missstände ein.
Die folgende Eröffnungsrede hält Kirchentagspräsidentin
Prof. Dr. Karin von Welck, es folgen, dem Charakter der Eröffnungsfeier
entsprechend, Grußworte verschiedener Vertreter aus Politik und Kirche,
etwa von Bundespräsident Horst Köhler, Vizekanzler Frank-Walter
Steinmeier , dem katholischen Bischof Franz-Josef Bode wie dem
Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen. Bode spricht seinen Gruß aus
Sicht der Ökumene, wird doch schon nächstes Jahr der Zweite Ökumenische
Kirchentag in München stattfinden. Steinmeier, der auch schon bei der
Eröffnung des letzten Kirchentages in Köln sprach, outet sich zunächst
als Reformierter und Kirchentagsfan, findet aber auch ernste, direkte
Worte über die Wirtschaftskrise, andere sprechen über Kinderarmut oder
Erderwärmung – die Grußworte bezeugen, was ich in den nächsten Tagen
selber erleben werde: Es gibt wohl kaum eine aktuelle gesellschaftliche
Diskussion, die auf dem Kirchentag, in Podienrunden wie in
Bibelarbeiten nicht geführt werden wird.
 Nach dem Gottesdienst begleiten uns Gruppen des (schon seit
1986 traditionellen) Bremer Samba-Karnevals unter dem ständigen Tönen
der Sambatrommeln zum „Abend der Begegnung", einem Straßenfest von
wahren Kirchentagsausmaßen: Etwa 300 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer
finden sich in Bremens „Guter Stube" zwischen Rathaus, Wallanlagen und
Weser ein, genießen neben dem reichhaltigen kulinarischen Angebot auch
Wetter und Musik. Der Weg zwischen Bürgerweide und Innenstadt ist
ausgefüllt mit einer Menschenschlange, deren Anfang und Ende ich von
meiner Position aus nicht ausmachen kann.
 Zwischen Aktionsständen und
ökofairer Bratwurst drückt mir ein Helfer eine dünne Wachskerze in die
Hand. Ich gönne mir für eine halbe Stunde das Bühnenprogramm der
vielgerühmten Soul-Pop-Sängerin Stefanie Heinzmann, direkt am Weserufer
(und in stimmungskonformer Abendrotromantik).
Nach einem kurzen Imbiss
wandere ich an der Weserpromenade entlang. Eine große Zahl an
Kirchengemeinden und Kirchenkreisen aus Bremen und Umgebung stellt
sich an Ständen vor, einige informieren über ihre vielseitige Arbeit,
andere bieten Getränke und Speisen an. Auf einer Shantybühne wird der
zu Genüge bekannte Kirchenschlager „Möge die Straße" präsentiert –
natürlich in echt norddeutschen Platt. (Irgendwo unterwegs verliere ich
leider meine noch unentzündete Kerze, die ich mir in einem Laune der
Unbedachtheit in mein Knopfloch steckte.)
Mein eigentliches Ziel, die
Weltmusikbühne an der Martinikirche , erreiche ich allerdings erst zum
Abendsegen. Es folgt nun der krönende Abschluss: Die Gäste entzünden
ihre Kerzen und versammeln sich als ein Meer aus kleinen Lichtern am
Weserufer, um der großangelegten Klangkompostition „Von Booten und
Bäumen" zu lauschen, die vom Künstler Rochus Aust eigens für diesen
Abend komponiert wurde: Etwa 1000 Chorsängerinnen und -sänger singen
von einer langen Schlange an Booten auf der Weser und aus beleuchteten
Schaukeln in den Bäumen der Wallanlagen. Bei genauem Hinhören zeigt
sich: Die Singenden variieren das Kirchentagsmotto und laden mit der
Frage „Mensch, wo bist du?" zu Meditation und Besinnung ein. Die
Inszenierung aus Licht und Ton endet in mit dem Ertönen der
Schiffshupen; mit den anderen Gästen des Kirchentages begebe auch ich
mich zur Nachtruhe.
Theologisches, dazu Musik
Donnerstag
Sie weisen die längsteTradition in der nunmehr sechzigjährigen
Geschichte des evangelischen Kirchentages auf: Bibelarbeiten sind
unbestritten integraler Bestandteil eines jeden Kirchentag-Tages,
gehalten werden sie zumeist von bekannteren Persönlichkeiten aus
Kirche, Politik und Gesellschaft. Vorgegeben ist dabei immer nur der
tagesaktuelle Bibeltext, die oder der Vortragende entwickelt aus der
eigenen Perspektive heraus – vom Text ausgehend – eigene Gedanken, oft mit
Gegenwartsrelevanz; obligat ist auch die musikalische Umrahmung, die
einen sowieso auf dem ganzen Kirchentag begleitet.
Meinen ersten Besuch
einer Bibelarbeit widme ich am heutigen Donnerstagmorgen Jörg Zink. „Ihnen Jörg Zink vorzustellen", lässt der Magdeburger Diakon Volker
Hufschmidt zur Einleitung verlauten, „hieße, Eulen nach Athen zu
tragen." Der 85-jährige Zink, Pfarrer i. R., wurde in Deutschland
besonders als Buchautor und Sprecher des „Wortes zum Sonntag" bekannt,
schon seit beachtlichen 56 Jahren ist er auf dem Kirchentag vertreten.
Heutiger Arbeitstext ist Genesis 3, die Erzählung von der Fortschickung
des Menschen aus dem Paradiesgarten, der auch das Kirchentagsmotto
entnommen ist.
Zink deutet den Text vor dem Hintergrund seiner historischen
Situierung: Entstanden sei er in der Phase der Sesshaftwerdung der
israelitischen Nomaden und in Abgrenzung zur religiösen Praxis der
benachbarten, alteingesessenen Bauern, die in heiligen Gärten
matriarchale Fruchtbarkeitsgöttinnen verehrt hätten – Zink malt den
Texthintergrund insbesondere als Theologe aus, wehrt sich aber auch in
rezentem Zeitbezug gegen vier traditionelle Urteile, die in der
Vergangenheit das Verständnis des Textes geprägt hätten: Das
Verständnis als Grundlage für ein pessimistisches Bild des „gefallenen" Menschen, der „gefallenen", entbehrungsreichen Welt, der „gefallenen, sündigen" Rolle von Sexualität oder die Vorstellung von
der Schuld der Frau. Im Gegenzuge erklärt Zink, wie diese Geschichte
heute neu verstanden werden kann, er erzählt sie aus der Perspektive
der agrarisch geprägten Verehrerinnen und Verehrer der Kultgärten,
führt an, wie auch an anderen Stellen der Bibel der Garten als
positives, nicht als unheilträchtiges Symbol aufgegriffen wird;
schließlich weist er auf Jesus hin, der sich nicht als strafender,
weltpessimistischer, sondern als heilender, wiederherstellender Gott
gezeigt habe. In Zukunft, in Zeiten der Verantwortung für Frieden und
Umwelt, sei „männliches und weibliches Menschsein zusammenzudenken",
nicht in Hierarchie, sondern in Gemeinsamkeit.
Nach dem Schlusslied (es spielt und singt Clemens Bittlinger) verlasse
ich das große Festzelt am Europahafen, verpasse allerdings meine
Anschlussveranstaltung im Messezentrum. (Ich lerne: Auch auf einem „Kirchentag der kurzen Wege" ist der Gebrauch der zahlreichen
Shuttlebusse nur von Vorteil.) Gegen Mittag besuche ich das
Bühnenprogramm der Evangelischen Jugend Bielefeld im BLG-Forum.
Mittlerweile traditionelles Element ist die Quizshow: Junge
Moderatorinnen stellen diesmal Fragen an Jugendpfarrer Thomas
Wandersleb, Landesjugendpfarrer Udo Bußmann und gar den Präses der
Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß – ganz nach dem Motto „Das weiß doch jeder Konfi!". Anschließend sprechen Wandersleb und Buß
das Mittagsgebet, mit den drei anderen Tagzeitengebeten fester
Bestandteildes Kirchentagsprogramms, es folgt auch ein kurzes
Bühnengespräch der beiden unter dem Titel „Das gute Gefühl, ein Mensch
zu sein", sie sprechen über Menschenwürde, Zweifel (den ständigen „Bruder des Glaubens"), Vertrauen auf Jesus Christus als „das Gesicht
Gottes" – ein Kirchentag ist eben an allen Orten ein Gesprächsforum,
auch hier im Zentrum Jugend.
„Was steht geschrieben?", fragt eine Gruppe renomierter Theologinnen und Theologen im Rahmen des Zentrums Bibel und stellt die Bibel als „Medizin gegen Fundamentalismus" vor, nehmen sich dabei des einen oder anderen heißen Eisens theologischer Kontroversen des Alltags an. Die Marburger Privatdozentin Dr. Claudia Janssen spricht zu Beginn in allgemeinerer Form über „richtiges" Bibelverständnis: Anstelle eines „positivistischen" Fundamentalismus (auf beiden Seiten einer Diskussion biblischer Streitfragen) plädiert sie zum einen für ein Bibelverständnis vor dem Hintergrund der Entstehungssituation eines Textes, der Aufklärung, der innerbiblischen Kontroversen, zum anderen aber auch für einen deutlichen Bezug zu unserem Leben, zu unserer Wirklichkeit. Warum wir die Bibel lesen? Janssen zitiert Dorothee Sölle: „Wir lesen die Bibel, weil wir nach Gerechtigkeit dürsten." Unsere Maßstäbe seien nicht objektiv – Janssen ermutigt zum Dialog mit Text und Gesprächspartner. Dem Vortrag folgen einige Impulse weiterer Theologinnen und Theologen: Prof. Dr. Ulrike Wagener antwortet unter der Überschrift „Warum Frauen in der Gemeinde nicht schweigen" auf eine immer noch aktuelle Kontroverse; einige der Vortragenden tragen verschiedene, sich gegenüberstehende Aussagen der Bibel zusammen. Wagener erläutert die nicht unwichtige Rolle der Frauen in den Evangelien (explizit etwa in den Passagen zur Auferstehungsgeschichte) und unter den frühen Christen; das Schweigegebot entspreche nicht der „Freiheit des Evangeliums".
Der emeritierte Bielefelder
Alttestamentler Prof. Dr. Frank Crüsemann antwortet auf die Frage
„Gelten die Zehn Gebote/Worte auch für Christen?“, der eine noch
tiefsinnigere Fragestellung zugrunde liege, nämlich, wie Christen
allgemein mit dem Ersten Testament umgingen. „Was gut ist, wurde
zuerst Israel gesagt“ – der Dekalog verbinde uns mit Israel, auch
mit der gesamten Torah, so Crüsemann. Prof. Dr. Peter Steinacker,
Kirchenpräsident i.R., spricht über das Verhältnis von Bibel und
Homosexualität: Zwar bejahten die biblischen Texte Homosexualität
nicht, Ethik funktioniere aber anders als ein bloßes Zusammenstellen
von Bibelzitaten; wir wüssten heute im Allgemeinen mehr über
Homosexualität.
Abschließend stellen einige der
Referentinnen und Referenten im Rahmen eines
„Selbstverteidigungskurses gegen Fundamentalismus“ einige
kommunikative Empfehlung, diskursive „Taktiken“ für Gespräche
über heikle Themen und den Fall, dass „mir jemand Schriftzitate
entgegenschleudert“, bewegen sich dabei insbesondere im Bereich
persönlicher Anregungen und schöpfen auch aus eigenen Erfahrungen;
so raten sie an, eine durchaus biblisch fundierte Argumentation zu
vertreten, das Gespräch allerdings nicht in eine aggressive
„Bibelschlacht“ ausarten zu lassen – unter Umständen sei die
Gesprächsebene zu wechseln, vielleicht auf das persönliche
Miteinander oder die eigenen Umgangsformen einzugehen. Generell sei
es keineswegs Zielvorgabe, das Gegenüber zu überzeugen, vielmehr
gehe es darum, „ein Zeugnis“ zu geben, nicht zu „richten“,
sondern zu handeln und Barmherzigkeit (anstelle von Angst) zu üben.
Schließlich, so wurde gegen Ende angemerkt, stehe Gottes Geist für
Freiheit, das Ganze der Bibel sei bedeutungsgewichtiger als
vielleicht einzelne Verse.
Trotz einiger (sanfter) Seitenhiebe
gerät die Veranstaltung nicht zu einer etwaigen Verlesung eines
Kampfprogrammes, sondern setzt sich einladend, theologisch – man
möchte sagen: den Dialog bejahend – mit einigen in der aktuellen
Diskussion um christlichen Fundamentalismus durchaus brisanten
Streitfragen auseinander, eine Gangart, die im „Zentrum Bibel“ ja
auch angemessen scheint. Hier, im ansehnlichen Hanse-Saal des Bremer
Congress Centrums, ist auch Kirchentagsmusik nicht abwesend: Zusammen
mit der Berliner Gruppe „Patchwork“ singt das Auditorium einige
Stücke aus dem Kirchentagsliederbuch.
Gegen Abend begebe ich mich zu meinem
ersten größeren Kirchentagskonzert: Die Kindernothilfe, die
diesjährig ihren fünfzigsten Geburtstag begeht, präsentiert in
einer Konzertfeier das Dortmunder Musikprojekt „Just Gospel“ und
anschließend die „Wise Guys“, die bremen- und deutschlandweit
bekannte Vokalpopgruppe. Über 65 000 strömen mit mir auf die
Bürgerweide – wieder einmal sind alle Altersgruppen vertreten. Das
Wetter ist erfreulich gut, hat es doch erst wenige Stunden zuvor noch
stark geregnet (was einige Konzertbesucher zum kurzfristigen Aufgeben
ihrer Plätze in begehrter Bühnennähe zwang). Über zwanzig Songs
präsentieren die Wise Guys in dem mehrstündigen Konzert, das einmal
mehr zeigt: Auf dem Kirchentag wird auch gefeiert. Neben einigen
Stücken ihres neuen Albums „Frei!“ (etwa „Relativ“, „Es
ist nicht immer leicht“ oder auch „Mensch, wo bist du?“,
offizieller Kirchentagsmottosong) präsentieren die Kölner auch
ältere Hits („Sommer“, „Radio“) oder gar ganz alte
Evergreens („Tekkno“). Die Stimmung ist denkbar gut – die Wise
Guys animieren zum Mitsingen bekannter Songs (beachtlich: die
Publikumseinlage bei „Sing mal wieder“), genießen ihren Auftritt
sichtlich („Wir möchten euch sagen, dass wir uns in euch verliebt
haben...“), stoßen ein ums andere Mal eine La Ola an, die
natürlich die ganze Bürgerweide erfasst.
In Pausen zwischen den musikalischen
Darbietungen stellt die Kindernothilfe in einigen Kurzvideos und im
Bühnengespräch ihre Arbeit vor und lädt zu Engagement und
Beteiligung ein, ein Stand informiert über die verschiedenen
konkreten Möglichkeiten; in der Pause kommen zwei junge Schülerinnen
auf die Bühne, die von dem in Schülerinitiative geführten
Fair-Trade-Projekt ihrer Schule berichten, das die Arbeit der
Kindernothilfe in Zukunft unterstützen will. Am Schluss bringen die Wise Guys ganze
vier Zugaben – nach „Sonnencremeküsse“ lichten sich
schließlich die Reihen der Zuschauerinnen und Zuschauer, die in ihre
Unterkünfte zurückkehren.
Über Gerechtigkeit, Verantwortung und viel Geld
Freitag
Meine freitagmorgendliche Bibelarbeit zum Gleichnis vom
Barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25-37) hält der amerikanische
Pastor Jim Wallis. Der oft als „linksevangelikal“ bezeichnete,
insbesondere als Buchautor, durch sein soziales Engagement und in der
Friedensbewegung der 80er bekannt gewordene Theologe tritt seit 1983
auf dem Kirchentag auf. Die Bibelarbeit wird in englischer Sprache
gehalten, zusätzlich aber auch in Gebärdensprache und (über
Kopfhörer) ins Deutsche übertragen; die mit den typischen
Wellpapphockern bestuhlte Halle 6 des Messezentrums ist gut gefüllt,
was etwa einer kleineren vierstelligen Besucherzahl entsprechen
dürfte. Wallis' Beitrag ist ein Beispiel dafür, dass eine
Bibelarbeit inhaltlich nicht allzu streng an den Text angelehnt sein
muss. So stellt er etwa deutlichen Zeitbezug her, zur
Wirtschaftskrise, zur Armut ganzer Kontinente, zu Sozialsünden, zur
„culture of greed“ – insbesondere auch zur Rolle der Religion
dabei; Religion solle dabei gerade zum Handeln rufen, nicht nur
kurzfristig als „Good Samaritan“, sondern auch, indem die
„Räuber“, in Übertragung: die Ursachen beseitigt würden.
Praktische Religion sei die „essence of religion“, die Krise
nicht nur eine Krise, sondern auch eine Chance für Veränderung. Im
Anschluss an die Bibelarbeit stellen einige Zuhörerinnen und Zuhörer
noch Fragen zu Aktienhandel und Global Players. Auch wenn die
detaillierte Exegese des Textes im Hintergrund bleibt, hinterlässt
die Bibelarbeit doch den Eindruck eines lebendigen und erfrischenden
Impulses.
 Anschließend verpasse ich auch heute meine
Vormittagsveranstaltung im Zentrum Welthandel zum „Wirtschaftsmotor
Rüstung“.
(Ich lerne: Zu Stoßzeiten kann selbst das größte
Aufgebot an Shuttlebussen nicht alle Kirchentagsbesucherinnen und
-besucher zur Überseestadt befördern.)
Stattdessen widme ich mich
dem Markt der Möglichkeiten, besser gesagt: einem der drei
Teilbereiche des Marktes der Möglichkeiten, „Horizonte des
Glaubens“. In der eigenen Halle des Messezentrums stellen die
unterschiedlichsten Gruppen, Gemeinden, Vereine und Initiativen ihre
Arbeit vor, bieten Aktionen, manchmal einige Produkte (etwa fair
gehandelte Cola) an und stellen ausführliche Informationen bereit.
Organisatorisch wird schon seit Jahrzehnten bewusst darauf geachtet,
dass die Stände von Vereinen unterschiedlicher Prägung und
gegensätzlicher Ansichten räumlich nah beieinander liegen,
vornehmlich, um den Dialog zu fördern – Spannungen waren dabei in
der Vergangenheit natürlich nicht abwesend.
Am Stand des Diakonissen-Mutterhauses Altvandsburg
ziehe ich mir ein Lesezeichen mit Bibelvers, im „Ökumenischen
Dorf“ stellt die Herrnuter Brüdergemeine ihre bekannten
Losungsbücher vor. Etwas weiter der Stand der Arbeitsgemeinschaft
Ökumenischer Kreise in der Bundesrepublik Deutschland (AöK) e. V.:
Die AöK ist seit dem 1. Ökumenischen Kirchentag anno 2003 in Berlin
dabei, einige Ansprechpartner informieren über Gesichter der
Ökumene, etwa über eine für den Mai des kommenden Jahres
angesetzte ökumenische Fahrrad-Pilgerstaffel zwischen Berlin und
München, dem Veranstaltungsort des 2. Ökumenischen Kirchentages
2010, oder über die deutschlandweit mittlerweile zwei ökumenischen
Gymnasien in Bremen und Magdeburg; letzteres veranstaltet sogar
regelmäßig Kirchentagsprojekte mit Schülern. Überhaupt ist
Ökumene dem Deutschen Evangelischen Kirchentag nicht fremd – die
(katholische) Bremer Kirche St. Johann spendierte der
Arbeitsgemeinschaft einen eigenen Informationsstand in der Bremer
Innenstadt.
Im Marktbereich „Christsein im Alltag“ stoße ich
auf den Stand der Arbeitsgemeinschaft für artgerechte
Nutztierhaltung (AGfaN) e. V., an dem über (ungemäßigten)
Fleischkonsum und seine Auswirkungen auf Gesundheit, Umwelt,
Schicksal der Nutztiere und die Wirtschaft von Staaten der Dritten
Welt aufgeklärt wird; man sammelt Unterschriften für eine Petition,
die darauf zielt, dieses Thema in der Evangelischen Kirche in
Deutschland stärker zur Sprache zu bringen. Überhaupt ist das
Spektrum an „christlichen Themen“, die der Markt der
Möglichkeiten ja repräsentiert, denkbar breit. Auf dem „Kirchplatz
Zukunft“ wirbt die Sarah-Hagar-Initiative für Gender
Mainstreaming, geschätzte zehn Meter weiter die „Hilfe zum Leben
Pforzheim e. V.“ gegen Abtreibung. Auf dem Markt der Möglichkeiten
gilt: nomen est omen.
Am Nachmittag begebe ich mich zu Bremens Europahafen,
Liegeplatz für den „Kirchentag der Schiffe“. Hier liegt auch der
Museumsfrachter „Cap San Diego“, auf dem die Zentren Welthandel
und Afrika eingerichtet sind. Aufgrund der längeren Schlange vor dem
Schiff gelange ich erst verspätet zur Nachmittagsveranstaltung
„Globalisierung – und wo bist du? – Handlungsempfehlungen
angesichts der globalen Krisen“, glücklicherweise wird letztere
über Lautsprecher nach außen übertragen. Thematischer Schwerpunkt
der Veranstaltung ist eindeutig Afrika, neben Moderator Dr. Ludger
Weckel nehmen auch Simone Knapp (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches
Afrika – KASA, Heidelberg) und Dieter Simon (Koordination Südliches
Afrika – KOSA, Bielefeld) an der Gesprächsrunde teil. Für die
Politologin Frauke Banse vertritt der kurzfristig eingesprungene Dr.
Boniface Mabanza, ebenfalls von der KASA, die Kasseler
StopEPA-Kampagne. (Ausfall und spontaner Einsatz gehören übrigens
mit zu den typischen Kirchentagseventualitäten.) Wie eine Zuhörerin
allerdings später kritisch anmerken wird, werden konkret
individuelle „Handlungsempfehlungen“ kaum behandelt, in
erster Linie wird über „Handlungsbeispiele“ von
Organisationen geredet. Nichtsdestotrotz bietet die Veranstaltung
exemplarische, aber detaillierte und packende Veranschaulichung
möglicher Handlungsweisen in Krisen, und zwar in der Dimension des
Greifbaren (während eine Bibelarbeit oft viel allgemeiner bleibt).
Alle Referenten stellen zunächst die Arbeit ihrer
Organisation beispielhaft vor: Dieter (gemäß einer weiteren
Kirchentagstradition duzen sich die Gesprächsteilnehmer nämlich
häufig) berichtet zunächst von einer von der KOSA koordinierten
Entschädigungsklage von Apartheidopfern, Opfern unmittelbarer
Gewalt, gegen internationale Konzerne (etwa IBM oder GM), die aus der
Apartheid als „Zulieferer“ Profit schlugen und nun gerade als
solche zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Simone von der KASA
schildert das Projekt eines „Basic Income Grants“, in dessen
Rahmen den Bewohnern eines (pauperisierten) namibianischen Dorfes
bedingungslose Grundeinkommen gewährt werden. Die viel und auch
kontrovers diskutierte Idee eines Basiseinkommens, vom Wesen her den
Kleinkrediten verwandt, sei als „Überlebenskonzept“ gedacht, sie
wurde in diesem Falle hauptsächlich von der namibianischen Kirche
als Pilotprojekt unter wissenschaftlicher Begleitung umgesetzt. Das
Projekt habe bereits Erfolge gezeigt, die Quote der Arbeitslosigkeit
sei spürbar (von 60 auf 45 Prozent), die der Kinderunterernährung
drastisch (von 42 auf 10 Prozent) zurückgegangen. Anders als
befürchtet führte der Basic Income Grant auch nicht zu vermehrtem
Alkoholkonsum. Dieses Modell der Hilfe zur Selbsthilfe sei allerdings
natürlich nur bei flächendeckender Umsetzung wirksam. Boniface
schließlich informiert über die zur Zeit noch im Entstehen
begriffenen „Economic Partnership Agreements“, von der EU
geförderte Freihandelsabkommen, die Kritikern zufolge die ärmeren
Staaten der Südhalbkugel, insbesondere aber die der Dritten Welt
weltökonomisch in eine neokolonialistische Abhängigkeit brächten;
insbesondere die Existenzgrundlagen für Kleinbäuerinnen und
Kleinbauern würden dadurch zerstört, die Staaten Afrikas
gegeneinander ausgespielt – die von verschiedenen Organisationen
getragene StopEPA-Kampagne wolle diesbezüglich politische
Sensibilisierung erreichen und so gegen die EPAs vorgehen.
Im Anschluss wird ein offenes Mikro für Fragen der
Zuhörerinnen und Zuhörer bereitgestellt, auf Nachfrage gewähren
die Referenten weitere Einblicke in die vorgestellten Projekte und
gehen verstärkt auf tatsächliche „Handlungsempfehlungen“ ein,
so sei es etwa daran die vielen kurz-, mittel- wie langfristigen
Möglichkeiten und Alternativen (politische Einwirkung,
Unterschriften, Einkauf) zur Kenntnis zu nehmen und abzuwägen –
Fairhandel allein sei auf Dauer zum Beispiel kein Patentrezept.
Natürlich bleibt in dieser Veranstaltung auch Musik
nicht fern: Der niedersächsische Landeskantor Mathias Gauer studiert
auf beeindruckende Weise mit dem Publikum a capella einige Stücke
aus dem Kirchentagsliederbuch ein, die ganz im Sinne einer Einübung
lernen helfen, der eigenen Wut, aber auch der eigenen Hoffnung eine
Stimme zu verleihen, in die Stimme Zorn wie auch den Ruf nach
Verantwortung zu legen, etwa mit „Wer sind die Herren, die glauben,
sie dürften regieren?“, einer modernen Umdeutung des
Choralklassikers von Joachim Neander.
Aktuelles, Zeitloses und noch mehr Musik
Sonnabend
Am Samstagmorgen besuche ich die Bibelarbeit des
renommierten Bochumer Alttestamentlers Prof. Dr. Jürgen Ebach, die
ebenfalls den Großteil einer ganzen Halle des Messezentrums zu
füllen vermag. Ebach ist Mitglied im Kirchentagspräsidium,
beteiligte sich an der „Bibel in gerechter Sprache“ und ist ein
weiteres Urgestein kirchentäglicher Bibelarbeitstradition. Heutiger
Arbeitstext ist die Hagar-Ismael-Erzählung (Genesis 16, 1-16).
Gemeinhin fällt auf: Ebach orientiert sich in seiner Arbeitsweise
stärker als andere direkt am Text, geht ihn dabei stückweise durch
und fügt dabei ausführliche (text)historische, kontextuelle, oft
auch detaillierte sprachliche Erläuterungen an. Trotzdem lässt auch
er den Bezug zur Gegenwart nicht missen, wenn er die Erzählung als
eine Geschichte vom Umgang mit dem Unangepassten, Unkonventionellem,
dem „Wildesel“ Ismael liest; schließlich geht Ebach auch auf die
abrahamitischen Bezüge des Textes ein, ist Ismael doch eine wichtige
Gestalt des Islam. Die Hagar-Ismael-Erzählung finde im Konflikt
einen Konsens: Hagar kehrt zu Sarah und Abraham zurück, erhält aber
gleichsam in der Peripetie der Erzählung eine wichtige Verheißung,
gibt schließlich selbst ihrem Sohn einen Namen. Wie die
Kirchentagslosung stelle auch dieser Text die Frage nach dem Menschen
– hier trete Gott selbst ein für „die Schwachen, auch wenn die
Schwachen Fremde sind“. Ebach spricht sich für eine „versöhnte
Verschiedenheit“ im Umgang mit den anderen abrahamitischen
Religionen aus.
Gegen Mittag begebe ich mich an die Schlachte, Bremens
historische Uferpromenade. Hier spielt die Bremer Jungband
„Sinfinity“ ein einstündiges Livekonzert. Der 2006 gegründete
Local Act hat in den letzten Tagen anlässlich des Kirchentages
bereits zwei Konzerte gegeben. Hier, in einiger Entfernung zum
Hauptstrom der Kirchentagsveranstaltungen, fallen Bühne und Publikum
eher klein aus – was auch nicht weiter verwundert: Die fünf jungen
Musiker widmen sich dem Progressive Rock, einem Genre von sehr
eigenem Habitus. Die Darbietung überzeugt, auch die typischen
krummen Rhythmus- und Harmoniestrukturen werden sauber gespielt,
zwischendurch überrascht ein kleines Shred-Solo oder ein virtuoser
Klavierlauf. Viele der Zuhörerinnen und Zuhörer sind selbst aus
Bremen und kennen die Band bereits, einige stimmen in den
Schluss-Song mit ein. Der Auftritt bleibt zugleich als Programmnische
und gelungene Abwechslung in Erinnerung.
Kurz danach mache ich mich auch schon auf zum Theatrium
Figurentheater, das inmitten der engen Gässchen des „Schnoors“
gelegen ist, eines sehr malerischen Viertels der Bremer Altstadt. Zum
Bremer Kirchentag führt das Theater Éric-Emmanuel
Schmitts philosophisch-religiöse Erzählung „Oskar
und die Dame in Rosa“ auf, die heutige Vorstellung ist die vierte
und letzte. Schon lange vor Beginn erwartet mich eine recht lange
Schlange vor dem Eingang. Die Theaterräumlichkeiten sind ziemlich
klein und dementsprechend gut gefüllt, dennoch ergattere ich einen
Platz in Bühnennähe. Ein besonderer Reiz der gut zweistündigen
Inszenierung besteht in ihrer rührigen Detailverliebtheit bei
gleichzeitig kleinem, in mancher Hinsicht vielleicht sogar
minimalistischen Maßstab in der Erzählweise; in vielen
Szenenbildern ist die (kleine) Bühne nur geringfügig requiriert, im
Mittelpunkt stehen dafür sowohl die liebevoll gestalteten, etwas
überzeichneten Figuren der Charaktere als auch Schauspielerin und
Schauspieler, die ersteren Bewegung und Stimme leihen und bereits
nach wenigen Augenblicken mit ihnen zu verschmelzen scheinen. Das
Bühnenstück nähert sich wie der Roman (dritter Teil von Schmitts
„Cycle de l’invisible“, der sich mit einigen
Weltreligionen befasst) sehr einfühlsam, bisweilen heiter, manchmal
sehr melancholisch, immer aber behutsam den Themen Tod, Liebe,
Religion, Älterwerden und dem Leiden von Mensch und Gott an. Am
Schluss erntet das Stück nicht nur wegen der überzeugenden
Schauspielleistung stehende Ovationen – ich kann mich einer kleinen
Träne nicht erwehren.
Am Samstagabend besuche ich das Konzert der
Pop-Rock-Band „Ararat“ auf der Weserbühne am Osterdeich. Auch
hier fällt das Publikum recht klein aus, mit der Zeit gesellen sich
aber einige der Kirchentagsbesucherinnen und -besucher dazu, die in
unmittelbarer Nähe am Hang der Bremer Wallanlagen Flussblick und
Abendsonne genießen. Die bereits Ende der Siebziger entstandene
Deutschrock-Formation aus Schwaben zählt zu den ältesten und
bekanntesten deutschsprachigen christlichen Bands. Die Stimmung ist
ob der geringen Publikumsgröße nicht perfekt, aber gemeinhin gut –
Frontfrau Bianca Poppke animiert zum Mitsingen, der Band merkt man
ihre Erfahrung durchaus an. Die Texte der Schwaben reichen über
reinen Lobpreis weit hinaus, sie behandeln Anliegen wie das
menschliche Befinden, den Ruf zum Handeln oder Trost im Verlorensein.
Gegen Ende covern die sechs Musiker noch Joan Osbornes 90er-Hit „One
of Us“. Nach diesem netten musikalischen Ausklang begebe ich mich
wieder „nach Hause“ in meine Schlafstatt.
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Hier und jetzt
Sonntag
 Am Sonntagmorgen begibt sich der größte Teil der
Kirchentagsbesucherinnen und -besucher wieder zur Bürgerweide; mit
dem Motto „Hier und jetzt“ wird auf das Kirchentagsleitvers
geantwortet. In einem bunten Programm wird wieder bereits vor Beginn
eingestimmt, die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher üben noch
das ein oder andere Lied mit dem Wildeshausener Gospelchor Joyful
Voices wie auch gemeinsame laute „Hier!“-Rufe als Antwort auf die
Frage „Mensch, wo bist du?“, beides wird uns durch den weiteren
Gottesdienst begleiten. Nach einem Moment der Stille beginnt auch der
heutige Großgottesdienst mit einer Bläserfanfare.
 Das Leitmotiv der
Liturgie sind die drei Farben Blau, Rot und Grün, stehend für
Glaube, Liebe und Hoffnung, die, an vielen Stellen des Gottesdienstes – etwa im Faltblatt – wiederzufinden, den Gottesdienstablauf in
drei Teile gliedern. Lieder, Lesungen (etwa des Psalmes 19, des
„Kirchentagspsalmes“, oder des zunächst in Gebärdenpoesie
vorgestellten Predigttextes, des dritten Kapitels des 1.
Petrusbriefes), aber auch die Predigt von Prof. Dr. Daniele Garrone
selbst machen Mut zum Bekenntnis in der Gesellschaft, zum Aufstehen,
Handeln, zur Antwort „Hier und jetzt“. Garrone betont, dass
dieses Antworten aber nicht in einem moralistischen Geist der
Vormundschaft geschehen solle, sondern in Freundlichkeit und Respekt;
es sei gerade die Hoffnung, die Christen zu verkünden hätten.
Anschließend teilt die Gottesdienstgemeinde das Abendmahl.
Am Schluss des Gottesdienstes spricht
Kirchentagspräsidentin Prof. Dr. Karin von Welck ein Wort der
Danksagung, schließlich ist ein Kirchentag nur möglich mit der
tatkräftigen Unterstützung der gastgebenden Region. Im Anschluss
sprechen die jeweiligen Verantwortlichen des 2. Ökumenischen
Kirchentages in München vom 12. bis zum 16. Mai 2010 und des 33.
Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dresden vom 1. bis zum 5.
Juni 2011 allen Teilnehmenden des Gottesdienstes (und allen
Zuschauenden der Fernsehübertragung) herzlich die Einladungen zu
beiden Veranstaltungen aus. Kirchentage – als Feste des Glaubens und
des Dialogs, der Erneuerung und der Information, der Zusammenkunft
und der Freude am breitgefächerten Spiel der unterschiedlichen
Farben und Stimmen – haben derzeit Hochsaison.
Der 2. Ökumenische Kirchentag findet vom 12. bis 16. Mai 2010 in München statt.
Der 33. Deutsche Evangelische Kirchentag findet vom 1. bis 5. Juni 2011 in Dresden statt.
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